Erasmus – Prag

Da ich während meines Auslandsaufenthaltes in Südamerika nach dem Abitur schon in den Genuss kommen durfte, welche Vorzüge ein längerer Aufenthalt im Ausland im Vergleich zu einem meist kürzerem Urlaub bedeutet, war für mich gleich zu Beginn meines Studiums schon klar, dass ich ein Auslandssemester machen wollte. Glücklicherweise bietet sich ein Geographiestudium dazu auch noch mehr als andere Disziplinen dafür an, da die Inhalte sich unter Anderem meist darum drehen, warum etwas an einem Ort so ist wie es ist und woanders anders. Warum also nicht einmal längere Zeit an einem anderen Ort verbringen?

Die LMU bietet dafür einerseits über das ERASMUS Programm zahlreiche Ziele innerhalb der EU an und außerdem via LMUexchange verschiedene Kooperationen mit Universitäten in aller Welt. Dabei ist zu erwähnen, dass bei LMUexchange Plätzen mehr Wettbewerb um die verfügbaren Plätze (LMU weit) herrscht als bei den ERASMUS Programmen (innerhalb der Fakultäten/Departments). Wer damit immer noch nicht bedient ist, kann sich aber immernoch initiativ an jeder beliebigen Universität bewerben. Nach gescheiterter LMUexchange Bewerbung sollte es bei mir aber ein europäisches Ziel werden, nämlich Prag.

Leben in der Gaststadt

Grundsätzlich reiht sich Prag in die Linie historisch reicher europäischer Städte (oder führt sie an!?), die alle Vorzüge einer westlichen globalisierten Stadt bieten kann. In Prag kann man dabei viel deutlicher noch als in anderen Städten zwei Gesichter der Stadt beobachten, ein Touristifiziertes und ein immer weiter zurückgedrängtes Einheimisches. Entgegen Kurztrips hat man als Erasmus Student  den Vorteil, vor allem Letztgenanntes zu entdecken. Zunächst ist Prag abseits der Hauptattraktionen auf den ersten Blick eine im Vergleich zu München eine nicht ganz so hergerichtete saubere Stadt, auf den zweiten Blick aber mehrere Schmankerl zu bieten hat. So stehen auf einer riesigen Stadtfläche archaisch anmutende Häuser, die jederzeit authentische Atmosphären von historischen Orten wiederbeleben können, sodass man sich in der Zeit zurückversetzt fühlt – nicht ohne Grund besitzt Prag Status eines UNESCO Welterbes, und das auf über 1000ha Fläche. Darüber hinaus sind kulturinteressierte hier goldrichtig, meist für wenig oder gar kein Geld können Museen, Ausstellungen, Opern, Theater usw. besucht werden.

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Wer statt Hochkultur lieber Ess- und Trinkkultur leben will, kommt hier auch auf seine Kosten. Neben vielen traditionellen Restaurants mit deftiger böhmischer Küche gibt es auch immer mehr internationale und vegetarische Restaurants. Die Preise sind verglichen mit Münchener Preisen ein Traum. Dass es auf der Welt nicht nur den bayerischen Bierhimmel gibt merkt man auch auf der Stelle. Da zahlt es sich womöglich aus, dass bei der Erfindung des berühmten Pilsener Bieres (sowohl Marke als auch Biertypus) ein bayerischer Braumeister einbestellt wurde.

Durch die niedrigen Preise verschiebt sich das soziale Leben abends auch eher in Bars, wobei es in Prag neben standardtouristischen Angeboten bei genauerem Hinsehen viele hippe Kneipen gibt die darauf warten entdeckt zu werden. Da Tschechen dazu tendieren ihren Abend in Kneipen zuzubringen gibt es eher wenige gute Clubs, ausgenommen davon sind Techno Events und Locations, die auf den zahlreichen verlassenen Industriearealen der Stadt bestens in Szene gesetzt werden können und Prag nicht erst seit gestern in der Szene einen Namen verschafft haben.

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Zu guter Letzt ist so ziemlich alles am Leben in Prag von der Zeit unter dem Kommunismus geprägt, im Guten (z.B. Ausbau des Nahverkehrs), sowie im schlechten (Prager Frühling) Sinne. Aber auch die freie Marktwirtschaft  hat in den letzten Jahren viel verändert und somit ist in Prag vieles im Konflikt zwischen altem und neuem System. Für ein Sprossling neoliberalistischer Verhältnisse wie mich war es auf jeden Fall sehr interessant, die so erst erlebbar werdenden Nachteile des Kapitalismus zu entdecken und hautnah Vor- und Nachteile beider Systeme reflektieren zu können. Vieles, was verbesserbar ist, wird eben erst sichtbar, sobald man besseres erlebt.

Studium

 Für die drei Wochen vor Vorlesungsbeginn gibt es ein Angebot zu einem kostenfreien Tschechisch-Intensivkurs. Hierzu ist eine kleine Anmeldung erforderlich. Auch wenn man danach immer noch meilenweit davon entfernt ist (Nemluvím moc česky), sich sicher unterhalten zu können kann ich den Kurs nur empfehlen, da es einen auch kulturell Tschechien näherbringt und eine perfekte Einstimmung auf den weiteren Aufenthalt ist. Während des Semesters gibt es auch Sprachkurse, die allerdings etwas kosten und in der Qualität teilweise niedriger sind.

An einem Orientierungstag wurde alles Wichtige über das kommende Semester und die Einrichtungen der Uni abgehandelt, sowie die Einschreibung vorgenommen. Hier traf ich auch zum ersten Mal Erasmusstudierende des gleichen Studiengangs. Es war sehr interessant den Uni Alltag zu erleben und vergleichen zu können – mit dem von München und dem von anderen ERASMUS Studierenden in ihrer Heimatstadt. Von langweiligen Ringvorlesungen bis zu spannenden Seminaren mit engagierten Dozenten war auch alles abgedeckt.

Der methodische Unterschied zwischen dem Studium an der LMU und an der Charles University war deutlich zu spüren. Während an der LMU bisher eher Vorlesungen und Klausuren an der Tagesordnung waren, gab es hier mehr wöchentliche Assignments und eine Seminararbeit zum Bestehen des Kurses. Ein sehr interessanter Kontrast!

Alltag und Freizeit

Der Erasmus Alltag gestaltete sich als sehr intensiv, es gab kaum Tage an denen ich mich gelangweilt habe. Das Studium, das ja im Gegensatz zu München auch während des Semesters verpflichtende Hausaufgaben beinhaltet hat, hat mehr Platz eingenommen und war eher von einem gleichmäßigen, wöchentlichen Zeitaufwand geprägt, im Vergleich zur konzentrierten Klausurenphase am Ende des Semesters an der LMU.

Trotzdem versucht man auch möglichst wenig für die Uni zu tun, um Stadt, Land und Leute zu entdecken. Ohne viel Zeit mit der aufwändigen Suche nach kontaktfreudigen Tschechen zu verschwenden, ist es aber kaum vermeidbar, 100% der Freizeit in ERAMUS Kreisen zu verbringen. Diese sind aber nicht weniger zu verachten, es war immer interessant sich über verschiedene und gleiche Sichtweisen auszutauschen um auch in der Praxis eine Ahnung davon zu bekommen, was Europäer verbindet und ausmacht und was andere Länder über das eigene Land denken und umgekehrt.

Der Kontakt zu Familie und Freunden lässt sich heutzutage medial einfach durchführen und man tendiert dabei leider eher dazu, die Zeit nicht sinnvoll zu nutzen, Alltagsprobleme nicht eigenständig zu bewältigen und nicht neue Dinge im fremden Land zu erkunden.

Außerdem sind Ausflüge in die Umgebung sehr zu empfehlen, Prag steht mit seinem vergleichsweise modernen und fortschrittlichen Charakter im krassen Gegensatz zum ländlichen Raum. An dieser Stelle lasse ich mir es nicht nehmen Werbung für die Erasmus Kooperation für Geographie in Ostrava machen, ich war leider nur drei Tage in der Stadt, aber es ist eine sehr ungewöhniche und (geographisch) hochinteressante Stadt.

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Unterkunft

Ich habe sowohl einige Zeit im Studentenwohnheim verbracht, als auch in einer Wohnung im Zentrum und kam so in den Genuss beider Unterkunftsformen und deren Vor- und Nachteile. Größte Nachteile des Studentenwohnheims bestehen in der Ausstattung und der Entfernung zum Stadtzentrum. Außerdem wird man fast ausnahmslos in Zweibettzimmern mit einem Mitbewohner untergebracht. Wer damit leben kann, wird sich sehr über die niedrige Miete freuen! Außerdem kann man wenn man mit ein bisschen Glück und den richtigen Nachbarn eine coole Studentenwohnheimatmosphäre erleben, mit vielen internationalen und tschechischen Studierenden.

Weil ich jedoch auch mal die Erfahrung machen wollte, mitten in der Stadt zu leben, bin ich in die Prager Neustadt gezogen. Die Wohnungssuche war sehr schwierig, da in dem Zeitraum viele Internationale Studenten

eine Wohnung suchen, aber nach drei Wochen Suche hatte ich via Facebook-Wohnungssuche-Gruppen eine passende WG gefunden. Die Prager Vermieter scheinen sehr besorgt um die pünktliche Ankunft der Miete zu sein. Daher musste ich meine Miete immer zum 15. Des Vormonats entrichtet haben, das ist gängige Praxis, aber eine spürbare Umstellung für das Vorhandensein von Geld auf dem Konto.

 Fazit

Prag ist in jeder Hinsicht eine schöne und lebenswerte Stadt, in der man als Münchner bei gleichen Lebenshaltungskosten einen deutlich höheren Lebensstil haben kann. Tschechien als Umland lockt auch mit vielen gemütlichen Kleinstädten und Mittelgebirgen. Es ist ein interessantes Gefühl, nicht bei allem was man macht Geld im Hinterkopf behalten zu müssen.

Das Erasmus Studium bleibt für mich ein ganz besonderes Jahr, auf das ich jetzt schon mit Sehnsucht zurückblicken kann. Die Erfahrungen die man machen kann sind vor allem für die eigene Persönlichkeit von hohem Wert, abgesehen davon kann man vieles über andere Europäer lernen. Man kann von Glück sprechen, dass man auf einem Kontinent lebt, auf dem so etwas dermaßen gefördert wird.